/

  

 

Vorgeschichte des Saunazuges


1. Artikel vom Okt 2004 für das Fachorgan „Der Komet“

Alter Schaustellerwohnwagen auf neuen Wegen

Wer kennt sie nicht, die meist bunt bemalten hölzernen Wohn-, Geräte- und Verkaufswagen der  Schausteller oder, wenn der Zirkus seine Zelte aufschlug, die beeindruckende „Mauer“ der ringförmig aufgereihten gleichbemalten Wagen der Zirkusleute die, neugierigen Augen versperrt,  innerhalb eine eigene, fremde Welt bargen? Bis vor wenigen Jahrzehnten prägten über Generationen hinweg Schindelwagen das Bild jedes Jahrmarktes und jedes Zirkus. 

Für die meisten der weitgereisten und an Geschichten reichen Wagen endete ihre Zeit kläglich; sie wurden abgeschoben und vergessen, Farbe blätterte ab, das Holz verfaulte . . .  Ein Oberlicht-Schindelwagen diente auch der Schaustellerfamilie Reitz aus Mannheim über mehrere Generationen als Wohnwagen auf den Jahrmärkten des Elsaß und Deutschlands. Und hohe Gäste wie den Dompfarrer des Münsters zu Straßburg oder die Gräfin von Erbach würde ein Gästebuch verzeichnen können, hätte es ein solches gegeben. Der Wagen wurde einst von Pferden gezogen; in den 50er Jahren wurde das Fahrgestell um eine Deichsel für Schlepper ergänzt. In den 70er Jahren mußte der Wagen modernem luftbereiften zeitgemäßem Wagenmaterial weichen und wurde still gelegt.

Erste Ausfahrt


Das Waldkurbad am Möslepark in Freiburg mit seiner Sauna- und Dampfbadelandschaft und seinen vielfältigen Behandlungsangeboten sollte um ein Schlammbad bereichert werden. Wegen der beengten Platzverhältnisse entstand die Idee, einen ausrangierten Schausteller- oder Zirkuswagen zu einem mobilen „Badekarren“ umzubauen. Fündig wurde man in Mannheim bei der alten Schaustellerfamilie Reitz : ein 1911 in Straßburg bei Hügel & Peter gebauter 6 m langer Schaustellerwagen mit Oberlicht und ausziehbarer Veranda und schweren Vollgummireifen wechselte im Frühsommer 2003 den Besitzer. Doch nur schwer trennte sich das alte rollende Schaustellerheim vom Hof. Mit Winde und dem Einsatz der beiden „Hebammen“ wurde der Wagen auf den Anhänger bugsiert und setzt wegen der niedrigen Höhe des hecklastigen Hängers und der gewölbten Straße in der Ausfahrt unter Knirschen für Stunden auf . . .  Die störrische Huckepackfahrt endete dann wenige Kilometer später noch in Mannheim, bevor es später —  dann auf eigenen Rädern — in neunstündiger Fahrt nach Freiburg ging.


Es begann eine kleine Odyssee, bis die richtigen Plätze zur Restaurierung und zum Umbau gefunden wurden. Im Frühjahr 2004 übernahm in Waldkirch, das einst weltweit bekannte Städtchen im Elztal, wenn es um Fuhrpark und technische Ausstattung für Schausteller und Zirkusleute ging, Schreinermeister Manfred Strecker mit seinen Mitarbeitern den Auftrag. Doch statt Umbau wurde es für den „Brettli“-Wagen, wie die Waldkircher sagen, eine Neugeburt. Die Schönheiten des ursprünglichen Intérieurs waren teils hinter Hartfaserplatten versteckt, teils überstrichen oder einfach übertapeziert; die Außenschalung mehrfach überstrichen. Der Wagen war für mehrere Generationen ein Gebrauchsgegenstand und den sich wandelnden Geschmäckern oder Bedürfnissen der jeweiligen Nutzer unterworfen. So gut sich auch an manchen Stellen die witterungsverträgliche Pitch-Pine-Außenschalung unter dick aufgetragener Farbe gehalten hat, zeigten sich schwere Nässeschäden in der Rahmenkonstruktion.  An manchen Stellen fand sich schon gar kein tragendes Holz mehr und da und dort hielt die Farbe die Bretter zusammen. Über dem erfreulich tadellosen Fahrwerk mußte der Wagen unerwartet von Grund auf neu aufgebaut werden.

Beim Zerlegen des Wagens kamen zwar keine Bündel versteckten Geldes hervor, aber immerhin kleine Schätze von Erinnerungswert ans Licht. Die älteste Fundsache ist ein „Badischer General-Anzeiger — Mannheimer Tagblatt“ vom 26. Februar 1926 und eine handvoll Ansichts- und Festtagspostkarten zwischen 1928 und 1946. Kurz vor Kriegsausbruch 1939 erreichte Ludwig Reitz eine Glückwunschkarte zum Geburtstag mit der Reiseadresse „z. Zt. Freiburg/Br., Messplatz“. Ein Zufall?

Die Vorbesitzer Familie Reitz

In liebevoller Kleinarbeit und mit Feingefühl wurde Erhaltenswertes herausgeputzt und saniert und nicht Reparierbares in Detailtreue neu geschaffen. Bestes Holz für Konstruktionsteile sowie die vielen großen und kleinen Fenster lieferte die Stadtsäge Waldkirch; für die Außenbeplankung und das Dach wurden aus feinjähriger Lärche Bretter profiliert. Die Täferwände der beiden Innenräume und die Einbau-Eckschränke erfuhren eine aufwändige Grundsanierung, wurden naturbelassen gewachst und wieder eingebaut. Neu ist eine Wind- und Wärmeisolierung des Aufbaus. Die drei Kunsthandwerker brauchten nicht viel Worte, weder beim Zerlegen noch beim Aufbau. Denn jeder wußte aus der Zeit im Wagenbau der Fa. Mack, was er zu tun hatte, um das Werk gemeinsam zu vollbringen. 

In neuem Glanz und romantischer Schönheit führte die Jungfernfahrt des herausgeputzten Salon- und Wohnwagens durchs Markgräfler Land und über den schweizer Jura zurück in den Schwarzwald. Der Grenzübergang des historischen Städtchens Laufenburg mahnt eine Durchfahrtshöhe von 3,10 m; der Wagen mißt jedoch 3,25 m, so daß bei regentrübem Wetter noch eine Stunde in dichtem Abendverkehr zum nächsten Übergang gefahren werden mußte. Nach dem am Hochrhein steilen Aufstieg durch den Hotzenwald ging es über die Hochebene der Baar das Höllental hinunter nach Oberried, wo die seit 1756 bestehende Schlosserei Schneider die ausziehbare Veranda funktionstüchtig machte. Nun war der Wagen bereit für seine erste große Fahrt neuer Zeitrechnung.

Um alle Eventualitäten auszuräumen sollte es für den Wagen noch Ende Juli eine Betriebserlaubnis geben. Bei  Ankunft auf dem TÜV schlugen die Prüfer die Hände über dem Kopf zusammen: „Auch das noch!“ Nach drei Stunden warten kam der Wagen eine Stunde auf den Prüfstand: alles Lob für das Fahrwerk, aber nirgendwo eine Fahrgestellnummer, keine Papiere, nichts. Zu mehrt wurden zwei dicke Gesetzeskommentare gewälzt und sich Ausnahme um Ausnahme vorangearbeitet. Totzdem blieb zum Schluß eine Betriebserlaubnis versagt, weil der Wagen außer einer Feststellbremse am Heck keine Bremsen besitzt. Fazit: mit 8 km/h darf er auf die Straße.

Heimatliches Gefilde befuhr der bezaubernde Salon- und Wohnwagen auf seiner gemächlichen Fahrt auf der Weinstraße des mittleren und nördlichen Elsaß einschließlich seiner ob des Verkehrs ungemütlich gewordenen „Heimatstadt“ Straßburg, wo er einst im Schatten des Münsters selbst den Dompfarrer zu Gast hatte. Allerorts begegnete man mit freundlicher Zuneigung. Wegen der geringen Torhöhen mußten einige Städtchen umfahren werden; einmal erwies sich auch die Wagenbreite von fast 2,60 m als Herausforderung. Die sommerlich heißen Asphaltstraßen hinterließen binnen weniger Tage deutliche Spuren des Verfalls an den Vollgummireifen: der spröde gewordene Gummi bröckelte in teils größeren Stücken weg. Mit anderen Worten: wenn der Wagen noch öfter durch die Lande ziehen und den Menschen Freude bereiten will, müssen die Achsen samt Bereifung getauscht werden, weil trotz Tips und Hilfe von vielen Seiten zumindest europaweit keine Ersatzreifen gefunden werden konnten. Bereifung hin — Bereifung her: seine Eignung als Reisefahrzeug hat der historische Wagen unter Beweis gestellt.



Besonders vielfältige Bewunderung erntete der Wagen als wahre Augenweide auf Freiburgs größter Verbrauchermesse (Badenmesse). Während des Aufbaus gastierte in der Nähe ein Zirkus und viele der Zirkusleute haben sich einen Besuch nicht nehmen lassen. Wie wurde da in Erinnerungen geschwelgt und manche Anekdote der Eltern oder Großeltern zum besten gegeben! Das Waldkurbad präsentierte an neun Messetagen vor und in dem Wagen sein Angebot und entführte die Besucher in doppeltem Sinn in andere Welten. Viele Besucher genossen als Sinneserfahrung die heimelige, wohltuende Atmospäre des Wagens, die einem beim Betreten sofort umhüllt. Ebenso ergeht es den Besuchern des Waldkurbades, wenn sie in die sinnepflegende Erfahrungswelt der Sauna- und Dampfbadelandschaft eintauchen oder sich Heil- oder Wohlfühlanwendungen aus dem Morgenland, dem Abendland oder dem Reich der Sinne hingeben.

Ein Stückchen „Waldkurbad“ geht auch mit dem Wagen auf Reisen, wenn er als „Sommer-Praxis“ z.B. auf einem Campingplatz zu Menschen kommt, die sich in Urlaubsstimmung befinden und Zeit und Muße finden, sich verwöhnen zu lassen.

Last but not least kann der Salon- und Wohnwagen auch zu unterschiedlichen Anlässen gemietet oder genutzt werden.

Die neuen Wege, die der historische Wagen zu befahren sich anschickt, werden der Vergangenheit an Vielfalt und Erlebnisfülle nichts schuldig bleiben. 

Bleibt zum Schluß noch die Frage: Was wird nun aus der Idee eines Badekarrens, die uns unerwartet statt den Badekarren das Kleinod eines Salon- und Wohnwagens bescherte? „Wir müssen sie neu beleben“, meint Paul Busse „und darauf vertrauen, daß der eine oder andere Schausteller noch von einem kleinen Schindelwagen (ca.  4 m) weiß — und Nachricht gibt“. 


2. Gesundheitssozialer Nutzen einer mobilen Kur- und Badeeinrichtung 
für ghettoähnliche Situationen bei reisenden Schausteller- und Zirkuskollegen  

Auf die Frage „Was tun Zirkusleute zur Pflege und Erhalt ihrer Gesundheit?“ Antwortete 2005 ein Großzirkus ebenso kurz wie ernüchternd: „Wir essen Tabletten, für anderes haben wir kein Geld“.

Es wird wohl so sein, daß eine reisende Zirkusstadt keine Kur- und Badewelt im Troß hat; denn vielerorts existieren solche Gesundheitseinrichtungen und können leicht erreicht werden; doch nutzen Zirkusleute nach langjähriger Erfahrung solche Einrichtungen wenig bis gar nicht. 

Erfahrungen mit der Beschulung zeigen, daß der ständige Ortswechsel oft über Länder- und (Schul-)systemgrenzen hinweg dazu führen, daß es Zirkus- und Schaustellerkinder sind, die die Statisktik der Schulabschlußlosen anführen. Schule muß also zum Zirkus kommen, um erfolgreich zu sein, wie die Praxis zeigt.

Medikamentenkonsum als Maßnahme der „Gesundheitspflege“ stellt noch weniger als „Vorbeugung“ eine sinnvolle Lösung dar. 

Wenn also das Bildungssystem als „rollende“ Schule zum Zirkus kommen muß, um sinnvoll zu wirken, warum nicht auch das Gesundheitssystem in Form eines „rollenden“ Kur- und Saunabades?

In dieser „rollenden“ Praxis werden unterschiedliche Leistungen nach Schaustellerart angeboten; die Palette reicht von therapeutischen Heil- und Wohlfühlbehandlungen über Packungen bis hin zu Schwitzbädern.